Vor vielen vielen Jahren wollte ich mal chemisch technische Assistentin werden. Warum? Weil der Chemielehrer so niedlich war. Also habe ich mich bei diversen Firmen beworben, bin zu Einstellungstests gefahren ... und durch alle mit Pauken und Trompeten durchgerasselt. Meine Mutter hat mich dann überredt, mich für einen verhaßten Bürojob zu bewerben: Ausbildung zum Bürokaufmann.
Ich bin damals in einer entzückenden Firma gelandet. Ein Oberboss, vier Firmen mit jeweils vier Geschäftsführern, drei davon waren reine Lehrlingsausbeutungsfirmen mit jeweils 12 Lehrlingen und besagtem Geschäftsführer. In diesen Firmen klotzten die Lehrlinge heftig ran, erledigten die Erfassungsaufgaben von ausgebildeten Mitarbeitern, die ja dank der Lehrlinge eingespart werden konnten. Und jedes mal, wenn einer dieser Azubis etwas ausgefressen, sprich falsch gemacht hatte, wurden sämtliche Mitarbeiter in die Zentrale gerufen, mußten sich im Halbkreis aufstellen und sich anhören, was der arme Azubi ausgefressen hatte. Er wurde schlicht und einfach vor uns allen zur Sau gemacht.
Mir wurde zum Beispiel einmal ein Brief, den ich auf einer Schreibmaschine tippen mußte, zerrissen, weil ich es gewagt hatte, vor dem Geschäftsführer auf die Uhr zu sehen. Es war kurz vor 17 Uhr und ich befürchtete, den Bus zu verpassen. Er sah das, kam, riß den Brief aus der Maschine und machte ihn kurz und klein. Zur Strafe, weil ich auf die Uhr gesehen hatte mußte ich den Brief noch mal tippen.
Die Unterfirma Nr. 4, bei der ich war, war etwas anders aufgebaut. Hier waren der Geschäftsführer, 5 Ingenieure und ich als Azubine eingesetzt. Ich war damals die einzige, die einen Computer-Arbeitsplatz hatte (das Jahr verrate ich jetzt nicht ;). Die Herren programmierten noch so, daß sie ihre Programme Zeile für Zeile auf ein Blatt schrieben und ich es dann am Computer eintippte. Über kurz oder lang durfte ich Programme, die ich eingetippt hatte, umwandeln, weil ich den Herren zu viele Fehler beim Erfassen machte. Man brachte mir die Grundlagen des Programmierens bei, damit ich die Fehler, die ich beim Abtippen gemacht hatte, wieder gut machen konnte. Und wenn ich nach Meinung der Herren zu aufsässig war, wurde ich ins Büro des obersten Chefs bestellt und alle 5 sagten mir dann die Meinung.
Als ich die IHK damals über die Zustände in diesem Unternehmen informierte und bat, eine Firmenprüfung durch zu führen, kam ein entsprechender IHK-Mitarbeiter, ging mit dem Chef schulterklopfend durchs Haus und meinte, es wäre seiner Meinung nach alles in Ordnung. Na ja, hier waren ja auch über 30 Ausbildungsplätze, die die IHK wohl sichern wollte. Koste es, was es wolle ...
Die Lehre war kein Zuckerschlecken, aber man hat in dieser Firma damals anhand eines von der IBM ausgearbeiteten Tests festgestellt, daß ich zum Programmieren geeignet bin und hat mich in diese Richtung ausgebildet. Auch wenn der Chef ein Ar .. äh, unangenehmer Mensch war, ich bin heute noch dafür dankbar, daß man mir damals die Weichen in Richtung Programmierung stellte... seit dem sind inzwischen viele Jahre vergangen und ich arbeite immer noch als freiberuflicher Programmierer und meine Ambitionen in Richtung Chemie sind völlig vergessen ;)
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